Die fünf Kommunikationsmuster nach Virginia Satir

Virginia Satir unterscheidet fünf primäre Kommunikationsstile, die sie in verschiedenen zwischenmenschlichen Situationen beobachtete. Diese Stile sind:

  1. Der Beschwichtiger
  2. Der Ankläger
  3. Der Rationalisierer
  4. Der Ablenker
  5. Der Aufrichter (Selbstwertsteigerer)

Jeder dieser Stile hat spezifische Merkmale und Auswirkungen auf die Kommunikation im Team. Schauen wir uns jedes dieser Muster genauer an.

1. Der Beschwichtiger

Merkmale:

Der Beschwichtiger versucht in Konfliktsituationen, Harmonie zu wahren und geht dabei oft über die eigenen Bedürfnisse hinweg. Häufig wird der Beschwichtiger als übermäßig einfühlsam oder zu nachgiebig wahrgenommen. Solche Personen versuchen Konflikte zu vermeiden, indem sie sich unterordnen oder die Schuld bei sich selbst suchen.

Praxisbeispiel:

In einer Retrospektive sagt ein Teammitglied: „Es tut mir leid, dass das Sprintziel nicht erreicht wurde, das war wohl meine Schuld.“ Der Beschwichtiger erkennt, dass etwas schiefgelaufen ist, aber schiebt die Verantwortung für das gesamte Team auf sich. Anstatt auf die kollektive Verantwortung einzugehen, reduziert dieser Kommunikationsstil die Chancen auf eine produktive Diskussion und Lösungsfindung.

Wie du damit umgehst:

Als Agile Coach solltest du den Beschwichtiger ermutigen, auch die Perspektive der anderen Teammitglieder zu hören und die Verantwortung für das Gesamtergebnis im Team zu verteilen. Du kannst fragen: „Was können wir als Team tun, um solche Situationen zu vermeiden?“ Dies fördert eine offene, kollaborative Diskussion.

2. Der Ankläger

Merkmale:

Der Ankläger nimmt eine konfrontative Haltung ein und gibt anderen die Schuld für Probleme. Er zeigt häufig wenig Empathie und kann den Gesprächspartner in die Defensive drängen. In Meetings oder Retrospektiven kann der Ankläger dazu neigen, Schuldzuweisungen zu machen und das Vertrauen im Team zu untergraben.

Praxisbeispiel:

„Wenn du deinen Job besser gemacht hättest, wären wir nicht in dieser Situation!“ Ein Teammitglied äußert sich in einem derartigen Ton, was den anderen in eine defensive Haltung versetzen kann und das Gespräch eskalieren lässt.

Wie du damit umgehst:

Es ist wichtig, den Ankläger zu beruhigen und eine konstruktive Haltung zu fördern. Du könntest sagen: „Ich verstehe, dass du frustriert bist. Was können wir als Team tun, um zu verhindern, dass diese Situation in der Zukunft wieder auftritt?“ So lenkst du das Gespräch auf lösungsorientierte Diskussionen.

3. Der Rationalisierer

Merkmale:

Der Rationalisierer verwendet Logik und Analysen, um emotionale oder zwischenmenschliche Themen zu vermeiden. Dieser Kommunikationsstil wird oft von Menschen genutzt, die ihre Gefühle oder Unsicherheiten mit Argumenten und rationalen Erklärungen überdecken. Sie neigen dazu, sich hinter Zahlen und Fakten zu verstecken und vermeiden es, mit den emotionalen Aspekten eines Problems umzugehen.

Praxisbeispiel:

„Die Zahlen sprechen für sich. Laut den letzten Sprint- Metriken haben wir eine Verbesserung von 5 % erzielt. Warum diskutieren wir also darüber?“ In einer Retrospektive wird der emotionale Aspekt des Problems durch eine rein rationale Betrachtung ersetzt.

Wie du damit umgehst:

Es ist wichtig, den Rationalisierer zu ermutigen, auch die menschliche Perspektive zu berücksichtigen. Eine mögliche Antwort könnte sein: „Das ist ein guter Punkt, aber wie fühlen sich die Teammitglieder hinsichtlich des Fortschritts? Gibt es Emotionen oder Herausforderungen, die wir ebenfalls berücksichtigen sollten?“ So gibst du Raum für sowohl rationale als auch emotionale Themen.

4. Der Ablenker

Merkmale:

Der Ablenker ist jemand, der in Gesprächen Themen wechselt, um unangenehme oder schwierige Themen zu vermeiden. Er versucht oft, die Aufmerksamkeit von kritischen oder konfliktbeladenen Themen wegzulenken, indem er auf oberflächliche oder irrelevante Aspekte eingeht.

Praxisbeispiel:

Während einer Retrospektive, in der es darum geht, ein wiederkehrendes Problem zu lösen, sagt ein Teammitglied: „Wusstet ihr, dass es letzte Woche eine interessante Studie über Scrum-Best-Practices gab?“ Der Ablenker bringt ein Thema ein, das nichts mit dem aktuellen Thema zu tun hat.

Wie du damit umgehst:

Du kannst den Ablenker sanft zurück zum Thema führen, indem du sagst: „Das klingt spannend, aber lass uns zuerst das Problem hier ansprechen. Wir können später gerne darüber sprechen.“ Dies zeigt, dass du das Thema ernst nimmst und gleichzeitig die Unterhaltung fokussierst.

5. Der Aufrichter (Selbstwertsteigerer)

Merkmale:

Der Aufrichter ist ein positiver und unterstützender Kommunikator, der mit konstruktiven, motivierenden Aussagen anderen hilft, sich selbst zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Dieser Stil fördert das Vertrauen und die Zusammenarbeit im Team.

Praxisbeispiel:

„Ich sehe, dass du dich mit dieser Aufgabe schwer tust, aber ich weiß, dass du in der Vergangenheit bereits ähnliche Herausforderungen gemeistert hast. Lass uns zusammen überlegen, wie wir dich unterstützen können.“ Ein Teammitglied fühlt sich ermutigt und unterstützt, anstatt sich entmutigt zu fühlen.

Wie du damit umgehst:

Nutze diesen Kommunikationsstil gezielt, um positive Veränderungen und Selbstreflexion zu fördern. Als Agile Coach solltest du darauf achten, dass du dieses unterstützende und motivierende Element in jeder Interaktion einbringst.

Wie du die Kommunikationsmuster im Coaching- Alltag einsetzt

Als Agile Coach ist es wichtig, dass du die Kommunikationsmuster erkennst und gezielt in deinen Sitzungen und Diskussionen einsetzt. Jedes dieser Muster hat seine Stärken und Schwächen, und der Schlüssel liegt darin, das richtige Muster für die jeweilige Situation zu wählen.

  • Fördere den Aufrichter-Stil, um das Selbstwertgefühl und die Motivation deines Teams zu steigern. Dieser Stil eignet sich besonders, um neue Ideen und Veränderungen zu unterstützen.
  • Erkenne die dysfunktionalen Muster wie den Ankläger oder den Ablenker und lenke das Gespräch zurück zu einem konstruktiven Dialog. Dies fördert die Problemlösung und den offenen Austausch.
  • Verwende den Rationalisierer-Stil, wenn du klare und sachliche Erklärungen benötigst, aber achte darauf, dass er nicht die emotionalen Bedürfnisse deines Teams überdeckt.

Durch die bewusste Anwendung dieser Kommunikationsmuster kannst du als Agile Coach nicht nur die Teamdynamik verbessern, sondern auch die Selbstreflexion und das Verantwortungsbewusstsein deiner Teammitglieder fördern.

Autor: Richard Walz