Warum „Angst“ im Alltag oft anders heißt

Was möchte ich vermeiden?

Niemand schaut gern auf die eigenen Ängste. Viele vermeiden das Thema so lange wie möglich, bis es sich nicht mehr vermeiden lässt. Und doch, wer einmal erlebt hat, dass Angst nicht nur stört, sondern auch etwas zeigt, beginnt anders hinzusehen. Denn unsere Ängste sind oft wie ein inneres Warnschild. Sie markieren Grenzen, Bedürfnisse, verletzliche Punkte, und manchmal auch das, was uns wirklich wichtig ist.

Damit wir vom selben sprechen, eine kurze Einordnung. In diesem Artikel geht es nicht um Angststörungen, Panikattacken oder akute Notlagen. Das sind ernstzunehmende Extremformen, die medizinische bzw. therapeutische Unterstützung brauchen. Hier geht es um die „normale“ Angst, die uns im Alltag begleitet, leise, hartnäckig und erstaunlich wirksam.

Die „normale“ Angst. Klein im Auftreten, groß in der Wirkung

Diese alltägliche Angst hat viele Gesichter. Meist taucht sie nicht mit dem Etikett „Angst“ auf, sondern als Gedankenschleife, als inneres Zögern oder als vorsichtige Strategie. Sie klingt dann eher so:

  • Werde ich mich blamieren?
  • Wird man mich mögen?
  • Werde ich versagen, oder schaffe ich das?
  • Lacht jemand über mich? Und wenn ja: wer?

Und manchmal geht es noch eine Ebene tiefer, die Angst, das eigene Leben zu verpassen. Sich einspannen zu lassen in eine Tretmühle, die andere entworfen haben. Die Sorge, am Ende festzustellen, dass man „funktioniert“ hat, aber nicht wirklich gelebt.

Warum Angst heute oft verdrängt wird

Angst gilt in vielen Kontexten als „uncool“. Im Job sowieso. Wer Angst zeigt, gilt schnell als unsicher, nicht belastbar oder nicht professionell. Also drücken wir sie weg. Wir rationalisieren sie. Wir machen Witze. Oder wir werden härter, schneller, lauter.

Spannend ist, auch im Coaching wird Angst häufig umschifft, manchmal aus Respekt, manchmal aus Unsicherheit, manchmal weil man das Thema nicht „zu groß“ machen möchte. Aber Angst verschwindet nicht, nur weil wir sie nicht benennen. Sie arbeitet weiter (im Hintergrund) und beeinflusst Entscheidungen, Kommunikation und Verhalten.

Angst als Motor, unangenehm, aber mächtig

So unbequem es ist, Angst ist ein enormer Antrieb. Vielleicht sogar einer der stärksten überhaupt. Sie treibt uns an, uns abzusichern, Fehler zu vermeiden, Erwartungen zu erfüllen, Kontrolle zu behalten oder Konflikten aus dem Weg zu gehen. Nicht, weil wir „schwach“ sind, sondern weil unser System uns schützen will.

Genau deshalb lohnt es sich, Angst nicht zu bekämpfen, sondern zu verstehen. Für Coaches (und für Menschen in Verantwortung) heißt das, wir dürfen lernen, Ängste ernst zu nehmen, sie zu würdigen, und sie als Informationsquelle zu nutzen. Nicht dramatisieren. Aber auch nicht wegwischen.

Angst muss nicht lähmen, sie kann auch klären

Alltägliche Angst führt nicht automatisch zu Blockade. Sie kann auch helfen, klarer zu werden, was steht für mich auf dem Spiel? Was ist mir wichtig? Wo brauche ich Sicherheit, Unterstützung oder Orientierung?

Ein praktischer Kniff aus der Coaching- Praxis ist dabei besonders hilfreich, vor allem dann, wenn Menschen das Wort „Angst“ ablehnen.

Denn viele sagen: „Ich habe keine Angst.“
Was sie meinen ist oft: „Ich will nicht so wirken, als hätte ich Angst.“

Und genau hier öffnet eine andere Frage die Tür:

Die Coaching- Frage, die „Angst“ übersetzt „Was möchten Sie vermeiden?“

Wenn jemand mit „Angst“ nichts anfangen will, kannst du stattdessen fragen:

  • Was möchten Sie vermeiden?
  • Was wäre nicht so schön?
  • Was wäre „uncool“ in dieser Situation?
  • Was wäre unangenehm, wenn es passiert?

Diese Formulierungen sind alltagsnäher, und sie führen trotzdem zum Kern. Denn Angst zeigt sich sehr häufig als Vermeidung, wir versuchen, etwas zu verhindern. Eine Blamage. Eine Ablehnung. Einen Fehler. Ein Gefühl. Eine Konsequenz.

Und wenn das klar wird, entsteht oft der nächste Schritt fast von selbst, ok und was bräuchte ich, um trotzdem handlungsfähig zu bleiben?

Ein kleiner Impuls zum Mitnehmen

Wenn du heute oder in den nächsten Tagen merkst, dass du ausweichst, dich absicherst oder innerlich zumachst, probiere diese eine Frage:

Was möchte ich gerade vermeiden?

Du musst die Antwort nicht bewerten. Es reicht, sie zu hören. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, nicht beim „Wegmachen“ der Angst, sondern beim Verstehen, was sie schützen will.

Autor: Richard Walz