
Als Agile Coach ist deine Hauptaufgabe nicht nur, Prozesse zu optimieren oder Teams zu unterstützen, sondern auch eine bedeutende Rolle im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation zu spielen. Dabei geht es nicht nur darum, wie du mit deinen Teams sprichst, sondern auch, wie Sprache das Denken und Handeln sowohl bei dir als auch bei deinem Gegenüber prägt. Das Wort ist ein mächtiges Werkzeug es kann Hindernisse überwinden, neue Perspektiven eröffnen oder blockierende Denkmuster verstärken. Die Art, wie du sprichst, beeinflusst nicht nur deine eigene Wahrnehmung, sondern auch die deiner Teammitglieder und Kollegen.
Wie Sprache das Gehirn formt
Sprache ist mehr als nur ein Kommunikationsmittel. Sie hat eine direkte Auswirkung auf unsere Denkprozesse, unser Verhalten und unsere emotionalen Reaktionen. In der Neurowissenschaft spricht man oft davon, dass Sprache unsere neuronalen Netzwerke formt. Sie beeinflusst, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir unsere Realität interpretieren.
Wenn du in deinem Coaching- oder Scrum-Umfeld bestimmte Worte und Sätze verwendest, kannst du nicht nur die Wahrnehmung deiner Gesprächspartner verändern, sondern auch deren emotionale Reaktionen und Handlungsbereitschaft. Besonders wichtig ist dies, weil Sprache die kognitiven Prozesse im Gehirn anregen kann und kognitive Prozesse steuern unser Handeln.
Praxisbeispiel: Die Macht der positiven Sprache
Stell dir vor, ein Teammitglied meldet sich mit einem Problem, das scheinbar unlösbar ist. Deine Reaktion könnte sein: „Das ist in der Tat eine schwierige Situation.“ Diese Aussage beschreibt die Realität, lässt aber wenig Raum für Veränderung oder Lösung. Eine alternative Reaktion könnte lauten: „Das ist eine Herausforderung, die wir zusammen angehen können.“ Die zweite Formulierung schafft eine völlig andere Perspektive: Sie stärkt das Gefühl der Handlungsmacht und die Zuversicht des Gegenübers. Indem du die Problembeschreibung durch die Wahl positiver Sprache in eine Möglichkeit verwandelst, förderst du nicht nur die Resilienz des Einzelnen, sondern stärkst auch das Teamgefühl.
In der Neurowissenschaft wird dieser Effekt durch den Spiegelneuroneneffekt erklärt. Unsere Gehirne sind darauf programmiert, die Emotionen und Reaktionen von anderen zu spiegeln. Positive, lösungsorientierte Sprache aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn und fördert ein Gefühl der Zusammenarbeit und Motivation.
Praxisbeispiel: Sprache als Barriere oder Brücke
Angenommen, du führst ein schwieriges Gespräch mit einem Team, das Schwierigkeiten hat, Scrum korrekt umzusetzen. Eine mögliche Aussage könnte sein: „Ihr habt Scrum nicht richtig umgesetzt. Wir müssen jetzt alle Fehler durchgehen, um das zu verbessern.“ Diese Formulierung setzt die Teammitglieder in eine defensive Haltung und könnte Ängste oder Widerstand hervorrufen.
Eine alternative Herangehensweise wäre: „Es gibt einige spannende Lernmöglichkeiten in der Art und Weise, wie wir Scrum umsetzen. Lasst uns zusammen herausfinden, wie wir diesen Bereich weiter verbessern können.“ Hierdurch wird das Gespräch als gemeinschaftlicher Lernprozess dargestellt, was eine kooperative Haltung fördert und ein Gefühl der Verantwortung bei allen Beteiligten anregt.
Durch gezielte Wortwahl baust du mit der richtigen Sprache Rapport auf und lässt Vertrauen entstehen. Das Verständnis der zugrunde liegenden Kommunikationsdynamiken ermöglicht es dir, in deinem Coaching eine positive Atmosphäre zu schaffen, die Wachstum und Veränderung fördert.
Wie du Sprache gezielt in deinem Coaching einsetzt
- Aktives Zuhören:
Aktives Zuhören ist mehr als nur zuhören es bedeutet, dass du mit deiner Sprache deine volle Aufmerksamkeit und Empathie zeigst. Bestätige die Aussagen deines Gesprächspartners und vermeide es, sofort Lösungen anzubieten. Dies gibt dem Gegenüber Raum, selbst zu reflektieren und eigene Lösungen zu finden. Ein einfaches „Ich höre, was du sagst“ oder „Das klingt herausfordernd. Was denkst du, wäre ein erster Schritt?“ kann schon Wunder wirken. - Die Kunst des Fragens:
In der agilen Arbeit ist das Stellen von Fragen eines der wichtigsten Instrumente. Deine Sprache kann den Raum für kreative Problemlösungen öffnen. Anstatt zu sagen: „Das könnte schwierig werden, oder?“ frage lieber: „Welche Möglichkeiten siehst du, das Problem zu lösen?“ Solche Fragen ermutigen das Team, ihre eigenen Lösungen zu finden, und stärken die Selbstverantwortung. - Klarheit und Präzision:
Vermeide vage oder doppeldeutige Ausdrücke. Je klarer und präziser du sprichst, desto einfacher fällt es deinem Gegenüber, sich zu orientieren und zu handeln. Ein Beispiel aus der agilen Praxis wäre: Statt zu sagen: „Wir sollten versuchen, uns auf das nächste Sprintziel zu fokussieren“, wäre es hilfreicher, konkreter zu formulieren: „Wie können wir sicherstellen, dass alle Teammitglieder das Sprintziel klar verstehen und sich darauf konzentrieren?“
Sprache als Werkzeug der Veränderung
Wenn du als Agile Coach Sprache bewusst einsetzt, schaffst du eine Atmosphäre, in der sich Menschen öffnen, wachsen und verändern können. Du kannst nicht nur die Denkweise und das Verhalten deines Teams beeinflussen, sondern auch deine eigene Perspektive erweitern. Indem du Sprachmuster erkennst und gezielt einsetzt, kannst du die Art und Weise, wie Teams zusammenarbeiten und Herausforderungen meistern, maßgeblich beeinflussen.
Ein weiterer Aspekt ist die Selbstreflexion. Achte auf deine eigene Sprache in der Interaktion mit deinem Team, aber auch in der Kommunikation mit dir selbst. Die Art, wie du über die Herausforderungen in deiner Arbeit sprichst, hat einen direkten Einfluss auf deine Wahrnehmung und dein Handeln. Wenn du in schwierigen Situationen mit „Ich kann das nicht“ oder „Das ist unmöglich“ sprichst, wird dein Gehirn diese Überzeugung verinnerlichen. Stattdessen versuche, dich selbst zu fragen: „Wie könnte ich das anders angehen?“ oder „Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es?“
Fazit: Sprache verändert alles
Sprache ist nicht nur ein Werkzeug der Kommunikation, sie ist ein Katalysator für Veränderung. In deiner Rolle als Agile Coach hast du die Möglichkeit, mit gezielter Wortwahl nicht nur die Denkweisen und Handlungen deiner Teammitglieder zu beeinflussen, sondern auch die Dynamik innerhalb des Teams zu verändern. Nutze die Kraft der Sprache, um Perspektiven zu erweitern, Blockaden zu lösen und neue Lösungswege zu finden.
Autor: Richard Walz – Psychologischer Berater
