Menschen vor Prozessen und Tools

Menschen und ihre Interaktion miteinander haben Vorrang vor Prozessen und Tools

In der agilen Arbeitswelt ist ein Leitsatz besonders prägend: „Menschen und ihre Interaktion miteinander haben Vorrang vor Prozessen und Tools.“ Dieser Grundsatz stammt direkt aus dem Agilen Manifest und wird allzu oft zitiert, aber zu selten gelebt. Für Agile Coaches und Scrum Master ist es entscheidend, diesen Satz nicht nur als Prinzip, sondern als zentrale Handlungsmaxime zu begreifen.

Warum Menschen wichtiger sind als Prozesse und Tools

Prozesse und Tools sind hilfreich, keine Frage. Sie schaffen Struktur, Wiederholbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Doch sie sind nur Mittel zum Zweck. Der wahre Wert entsteht durch die Menschen, die mit diesen Tools arbeiten, und durch die Qualität der Zusammenarbeit zwischen ihnen.

Kommunikation, Empathie, Vertrauen und psychologische Sicherheit bilden die Grundlage für funktionierende Teams. Ein noch so perfekter Prozess kann ein Team nicht retten, das sich nicht zuhört, das keine Verantwortung übernimmt oder in dem Angst herrscht, Fehler zuzugeben. Prozesse können Symptome managen – aber keine Beziehung aufbauen.

Praxisbeispiel 1: Daily Stand-up ohne Verbindung

In einem Unternehmen wurde das Daily Stand-up minutiös nach Lehrbuch durchgeführt. Jeder Mitarbeitende beantwortete stoisch die drei klassischen Fragen: Was habe ich gestern gemacht? Was mache ich heute? Was hindert mich? Trotzdem stagnierten die Projekte, und das Team war frustriert.

Ein Agile Coach beobachtete die Situation und stellte fest, dass die Teammitglieder ihre Beiträge nur in den Raum sprachen, ohne echten Austausch. Es gab kaum Nachfragen, keine Diskussion über Abhängigkeiten, keine Hilfsangebote. Der Prozess wurde eingehalten, aber der menschliche Aspekt fehlte.

Nach gezielter Teamentwicklung und einer Umstellung auf ein dialogisches Format wurde aus dem Stand-up ein echter Gesprächsraum: Kolleg:innen bezogen sich aufeinander, es entstand Zusammenarbeit, und plötzlich machten auch die Tools Sinn.

Praxisbeispiel 2: Toolüberfrachtung verhindert Zusammenarbeit

Ein internationales Entwicklungsteam hatte sich in einem Dickicht aus Tools verloren: Jira, Confluence, Slack, Miro, jede Information lag woanders. Die Absicht war gut: Transparenz und Effizienz. Doch tatsächlich führte die Tool- Vielfalt zu Unsicherheit, Informationsverlust und Missverständnissen.

Nach einer retrospektiven Analyse beschloss das Team gemeinsam mit dem Scrum Master, die Tool-Landschaft radikal zu vereinfachen. Gleichzeitig wurde ein Fokus auf regelmäßige, direkte Gespräche gelegt: kurzes Check-in via Videocall, Pair Programming, gezielte Alignment-Meetings.

Die Folge: weniger Reibungsverluste, besseres Verständnis füreinander und ein deutlich gestiegenes Vertrauen, vor allem durch den bewussten menschlichen Kontakt.

Anwendung in der eigenen Praxis: Der Human Check-In

Ein einfaches Mittel, um „Menschen vor Prozesse“ ins tägliche Tun zu bringen, ist der Human Check-In. Vor jedem Meeting, sei es ein Planning, eine Retrospektive oder ein Review, nimmt sich das Team bewusst zwei bis fünf Minuten, um persönlich anzukommen. Fragen wie:

  • Wie geht es dir heute – ehrlich?
  • Was beschäftigt dich außerhalb des Projekts?
  • Was brauchst du, um heute präsent zu sein?

Diese kleinen, scheinbar nebensächlichen Momente schaffen Verbindung. Und sie senken die emotionale Schwelle für schwierige Gespräche. So entsteht echte Zusammenarbeit, jenseits von Prozessen und Tools.

Fazit

Agilität lebt von Beziehung, nicht von Bürokratie. Prozesse und Tools sollen uns dienen, nicht umgekehrt. Als Agile Coaches und Scrum Master haben wir die Aufgabe, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich zeigen, zuhören, gegenseitig unterstützen und wachsen können. Wer die menschliche Seite stärkt, verbessert nicht nur die Zusammenarbeit, sondern auch die Resultate.

Autor: Richard Walz