
Ein Leitfaden zur Selbstbehauptung
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine Mitarbeiterin erlebt einen Chef, der wütend in ihr Büro stürmt und laut wird. Sie schafft es nicht, ihm klar zu machen, dass sein Verhalten unangemessen ist. Dieses Szenario verdeutlicht die Notwendigkeit, sprachlich Grenzen zu setzen – eine Fähigkeit, die in verschiedenen Lebensbereichen von entscheidender Bedeutung ist.
Grenzen in verschiedenen Lebensrollen
In vielen Aspekten unseres Alltags begegnen uns Situationen, in denen wir Schwierigkeiten haben, unsere Grenzen zu wahren. Vielleicht zögern Sie, späte Besucher freundlich darauf hinzuweisen, dass es Zeit ist zu gehen. Möglicherweise tolerieren Sie stichelnde Bemerkungen oder übernehmen regelmäßig den Abwasch allein, obwohl das ständiges Ärgernis für Sie ist. Vielleicht fühlen Sie sich vernachlässigt oder ausgenutzt. Oft überschreiten andere Ihre Grenzen, behandeln Sie herablassend oder beanspruchen ungefragt Ihre Zeit und Energie. Wenn solche Szenarien bekannt vorkommen, ist es an der Zeit, klare Grenzen zu setzen.
Methoden zur sprachlichen Abgrenzung
Die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen und sich selbst zu behaupten, kann mit einfachen sprachlichen Mitteln erreicht werden:
- Klarheit und Sachlichkeit in der Kommunikation: Beginnen Sie damit, Ihr Anliegen ruhig und sachlich zu formulieren. Wenn Ihr Chef beispielsweise schreiend in Ihr Büro kommt, erheben Sie sich, um auf Augenhöhe zu kommunizieren, und sagen Sie deutlich: „Sie schreien mich gerade an. Das ist nicht die normale Art, miteinander konstruktiv zu kommunizieren.“
- Erste Mahnung: Ändert sich das Verhalten Ihres Gesprächspartners nicht, erinnern Sie ihn erneut freundlich und sachlich: „Ich möchte Sie bitten, normal mit mir zu reden. Hören Sie bitte auf zu schreien. Wenn Sie Gründe haben, mich zu kritisieren, dann tun Sie das bitte sachlich und konstruktiv.“
- Zweite Mahnung: Bleibt die Reaktion weiterhin unverändert, wiederholen Sie Ihre Aufforderung: „Ich bitte Sie nochmals, nicht zu schreien und konstruktiv und sachlich zu werden. Sonst kommt keine vernünftige Kommunikation zustande.“
- Rückzug aus der Situation: Wenn auch dies keine Wirkung zeigt, ziehen Sie sich aus der Situation zurück: „Ich kann mich so nicht mit Ihnen unterhalten. Ich werde jetzt diesen Raum verlassen. Bitte beruhigen Sie sich und sprechen Sie mich nachher nochmals deswegen an.“ Verlassen Sie dann den Raum.
Umgang mit Konfliktsituationen
Es ist ratsam, nicht sofort zur nächsthöheren Instanz zu gehen. Beruhigen Sie sich zunächst selbst und überlegen Sie, wie Sie die Situation konstruktiv und respektvoll lösen können, während Sie Ihre Grenzen wahren.
In vielen Fällen führt das deutliche Setzen von Grenzen dazu, dass der Chef oder Kollege sein Verhalten überdenkt und zukünftig respektvoller mit Ihnen umgeht. Die Befürchtung, dass ein solcher Schritt negative Konsequenzen haben könnte, bestätigt sich selten. Vielmehr zeigt die Erfahrung, dass eine klare Kommunikation Ihrer Grenzen meist den gewünschten Respekt und ein verändertes Selbstbild zur Folge hat: „Ich bin jemand, der seine Grenzen ernst nimmt und das anderen auch vermittelt. Daher respektiert man mich!“
Fazit
Das Setzen sprachlicher Grenzen ist eine essentielle Fähigkeit, um sich selbst zu behaupten und respektvoll behandelt zu werden. Es fördert nicht nur das eigene Selbstwertgefühl, sondern trägt auch zu einer respektvolleren und konstruktiveren Kommunikation bei. Indem Sie klare, sachliche und ruhige Ansagen machen, setzen Sie ein Zeichen für sich selbst und andere: Ihre Grenzen sind wichtig und müssen respektiert werden.
Autor: Richard Walz – Psychologischer Berater